Der Naturraum Burgwald


Burchholz, Borgwald, Burkwaldt, Burgwald - wer weiß schon, was das bedeutet?

Des Namens Herkunft verbirgt sich unter dem Schleier der Vergangenheit, kaum klarer wird des Wortes Sinn in der Gegenwart. Waren es die vor- und frühgeschichtlichen Befestigungsanlagen, war es die Kesterburg (Christenberg), waren es die umgebenden Burgen oder war es nur der Berg(=...borg, ...burg), der dem Wald den Na­men gab? Und heute? Der bloße Wald für den Einen, etwas Feldflur dazu für den Anderen oder gar noch einige Ortschaften obendrein für den Dritten - doch halt, gibt es da nicht eine Gemeinde als Produkt der hessischen Gebietsreform aus den 70er Jahren mit dem Namen Burgwald? Der Burgwald ist ein Naturraum, der sich aufgrund seiner Struktur klar von anderen hessischen Landschaften, besonders aber von seiner unmittelbaren Nachbarschaft abgrenzt. Frankenberg, Wetter, Kirchhain und Gemünden markieren die Eckpunkte einer Fläche, die augenfälliger noch durch die Täler von Eder und Gernshäuser Bach im Norden, Wetschaft im Westen, Lahn und Ohm im Süden, Wohra und Schweinfe im Osten umschlossen wird. Mit 200 Quadratkilometern zusammenhängender Waldfläche, das sind 62 % der Naturraumfläche, zählt der Burgwald zu den wenigen großen unzerschnittenen Waldlandschaften Mitteleuropas. Obwohl durch und durch eine Kulturlandschaft, vom Menschen seit Jahrtausenden genutzt und in den letzten zwei Jahrhunderten nachhaltig verändert, weist der Burgwald zahlreiche Kostbarkeiten auf, die ihn als Ganzes zu einem Kleinod hessischer Landschaften machen.

Zweihundert Millionen Jahre unerschütterlich auf Sand gebaut

320 Quadratkilometer weit erstreckt sich die vielfach zerborstene Oberfläche des mächtigen Buntsandsteinblockes, der eine Bucht am Südrand des Rheinischen Schiefergebirges füllt. Drei Buchten sind in der Aufstiegszeit des Schiefergebirges an seinen Rändern eingebrochen. Jede heißt heute nach einer ihrer Städte, die Kölner, die Trierer und die Frankenberger Bucht. Fran­kenberg ist etwas kleiner als die zwei anderen Städte. Es hat keine Stadtautobahn und keinen Rheinhafen, und die älteste Stadt Deutschlands ist es auch nicht. Aber es ist eine lebendige kleine Stadt mit gewichtiger Vergangenheit und berühmter Silhouette, mit prächtigen Fachwerkhäusern, einer gotischen Pfarrkirche und einem Schlösschen von Fachwerkrathaus, und mit weit und breit keinerlei Ballungsraum. Und, ebendeswegen, vor seinen Toren das größte zusammenhängende Waldgebiet Hessens, den Burgwald. Der hat sich ein Stück Schiefergebirgsgeschichte gesichert. Vor 400 Millionen Jahren hat das Rheinische Schiefergebirge sich aufzufalten begonnen. Es stieg als Gebirge auf, wurde wieder abgetragen. Seine Gesteinsschichten sind Ablagerungen ehemaliger Meere. Hebungen und Senkungen fanden statt und östlich des Schiefergebirges entstand die Hessische Senke als Teil des Germa­nischen Beckens. Von Norden her überflutete ein flaches Zech­steinmeer dieses Becken und drang bis in die Frankenberger Bucht vor. Seine Sedimente bilden heute den Übergang des Burgwalds in das Schiefergebirge. Sie enthalten zahlreiche versteinerte Pflanzenreste wie die „Frankenberger Ähren“, die Sporenstände eines urtümlichen Farns, die von den westlich gelegenen Festlandgebieten in das Zechsteinmeer eingespült wurden. Die Buntsandsteinzeit begann vor 220 Millionen Jahren. Gewässer spülten von weitentfernt liegenden Bergen Sedimente nach Norden hin in das Germanische Becken. Sie füllten auch die Frankenberger Bucht Schicht um Schicht mit Sanden unterschiedlicher Körnung. Meist war das Becken flach mit Wasser bedeckt, wie das Vorkommen der Muschel Avicula belegt. Dazwischen fiel es gelegentlich trocken. Chirotherium, ein etwa 2-3 Meter langer, hoch­beiniger pflanzenfressender Saurier, konnte nun seine handartigen Fußabdrücke im feuchten Sand hinterlassen. Neue Sandsteinschich­ten folgten, weil der darunter liegende Schiefergebirgsteil weiter absackte. Über 400 Meter Sand kamen so zusammen. Die gewaltige Decke aus verschiedenen und auch verschieden roten Sanden verfestigte sich zu dem, was wir heute Buntsandstein nennen. Sie hatte viele Millionen Jahre Zeit dazu. Es entstand eine Schichttafel, dieerst in Stücke brach, ihre horizontale Schichtung weiter beibehaltend, als der alte Gebirgsrumpf im Gebiet zwischen Kellerwald und Eifel sich wieder hob. Die Bruchstücke haben, im Gegensatz zum berühmt lieblichen Buntsandsteinland am hessischen Untermain, ihre nordhessischen Ecken und Kanten durchaus bewahrt. Sie wurden zu Bergen, Hügeln und Hügelchen und haben so die Vielfalt des Burgwaldes begründet. Einmal noch, vor 17-18 Millionen Jahren rumorte es gewaltig unter dem Sandstein. Flüssiges Gestein, entstanden im Zuge des Vogelsbergvulkanismus, suchte seinen Weg durch Sandsteinklüfte und blieb letztlich in seinen nordwestlichen Ausläufern, im Kleinen und Großen Badenstein des Burgwaldes, stecken, ohne dabei ein anständiger Vulkan zu werden. Zuvor hatte es, vom Vogelsberg kommend, schon mehrfach versucht, die Sandsteinschichten zu durchstoßen. Neben dem, zugegeben eindrucksvolleren, Basaltpfropf der Amöneburg zeugen der Schlossberg von Schweinsberg, der Kirchberg von Kirchhain und der Hügel des Hofgutes Fleckenbühl von diesen unruhigen Zeiten. Was genau geschehen ist, wissen die Fachleute. Der Burg­waldwanderer hat Mühe genug, sich unter den buntbewachsenen Waldbergen, auch wenn es Vierhunderter sind, die zersprungenen, wuchtigen Deckplattenstücke aus der uralten Zeit vorzustellen. Oder den Formen nachzuspüren, welche die aufgebrochenen Sandsteinschichten der Landschaft gegeben haben. Je nach Härte und Korngröße, Wasserhaltekraft und Widerstandsfähigkeit und sonstigen Sandsteineigenschaften entstanden flache und steile Hänge, hohlwegschmale und breite Täler, sandigtrockener Kiefernboden und anspruchsvolle Laubwaldstandorte und echtes, richtiges Torfmoor. Mager ist dieser steingewordene Flussschwemmsand überall. Aber zu Eiszeit-Zeiten hat der Wind Massen von Löß, feinen Staubgemischen, die er aus Schotter- und Sandflächen herausgeblasen hatte, über Land geführt. Davon hat er auch im Burgwald etwas abgelagert. Wenn auch nicht so flächendeckend wie im Ebsdorfer Grund und dem Amöneburger Becken, so doch teilweise fast meterhoch, bevorzugt an Osthängen. Und an Hängen jeglicher Rich­tung und Größe ist auf der vielzerteilten Fläche kein Mangel. An trockenheißen Sommertagen nimmt der Wind manchmal Reste seiner alten Lößfracht wieder mit. Wer dann zwischen Frankenberg und Bracht auf der Landstraße fährt, kann nachher den mehlfeinen Vorzeitstaub millimeterdick von der Heckscheibe wedeln.


Die Franzosenwiesen bei Roda

 

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Stand: 18.07.2001